Die Gelben und der Grünkohl

Vor dem Saal Schepers befindet sich auch um 19 Uhr noch eine lange Schlange. Eigentlich soll FDP-Vorsitzender Dirk Giesen längst sprechen, aber auch die Bürgermeisterin Ulrike Westkamp (SPD) hat ihre Jacke noch nicht abgelegt, steht mit ihrem Ehemann Helmut und SPD-Fraktionschef Ludger Hovest brav in einer Schlange und wartet darauf, sich an der Kasse anmelden zu dürfen. Es ist an diesem Abend alles zu Gast, was in dieser Stadt Rang und Posten hat: Sparkassen-Chef Friedrich-Wilhelm Häfemeier, der neue Kämmerer Klaus Schütz, Innogy-Regionalchef Rainer Hegmann, Kies-Chef Christian Strunk, und, und, und – dafür, dass FDP-Vorstand Dirk Giesen bei der Begrüßung sagte, er werde nur einige Namen nennen, gerät allein die Vorstellungsrunde recht ausufernd. Doch nur mit Prominenz lässt sich ein so großer Saal nicht füllen. Es muss auch Fußvolk darunter sein: Manch einer scherzt, dass der FDP-Bundestagsabgeordnete Bernd Reuther seinen Lions-Club zwangsverpflichtet habe. Der Eindruck bleibt: Die Liberalen haben wieder mehr als fünf Prozent, sprechen bundespolitisch wieder ein Wörtchen mit – und sie können wieder Säle füllen.

„Es ist voller als bei Kubicki“, sagt Dirk Giesen bei der Begrüßung staunend. Der große Mann mit dem glänzenden Kopf hat Entertainerqualitäten, weiß den Saal als Conferencier in Laune zu bringen. Es ist nur die Begrüßungsrede, eine kleine Fingerübung, aber der Bislicher Giesen absolviert seinen Job durchaus mit Bravour. Als dann der FDP-Bundestagsabgeordnete Bernd Reuther spricht, da sieht das Drehbuch zunächst ein kleines Rührstück vor. Reuther gratuliert „Ingrid“, die Geburtstag hat und sich zum Ehrentag selbst ein Geschenk macht: Sie wird Mitglied der FDP. Und wenn sie noch zweifeln sollte, was sie da unterschrieben hat, so bestärkt sie danach Bernd Reuther: „Eine Mitgliedschaft bei den Freien Demokraten ist eine Bereicherung für das Leben.“ So launig geht es weiter. Reuther frotzelt über die politischen Gegner (an diesem Abend heißen sie „Mitbewerber“), fordert schnelles Internet an jeder Milchkanne, lobt die Arbeit am neuen Landesentwicklungsplan mit schwarz-gelber Handschrift („Ohne den wäre das Kombibad nicht möglich“), um dann mit markigen Worten auf das Reizthema Diesel einzugehen. „Wir können doch nicht die Messidioten in ganz Europa sein“, und: „Dieser Wahnsinn muss beendet werden“, sagt Reuther. Man spürt: In diesem Saal, unweit seines Wohnhauses, ist er zu Hause. Heimspiel!

Ein echtes Auswärtsspiel ist dieser Abend auch für die Hauptrednerin Linda Teuteberg nicht. Die 37-Jährige kommt zwar aus Potsdam, hat aber immerhin einen Ehemann aus NRW und fühlt sich dem Bundesland, so darf man hören, durchaus verbunden. Teuteberg hat eine erstaunliche Vita vorzuweisen, ist Rechtsanwältin, saß schon im brandenburgischen Landtag, jetzt im Bundestag. Seit 2011 schon ist sie gewähltes Mitglied im Bundesvorstand ihrer Partei. Wer sie reden hört, der spürt: Sie ist keine Frau der markigen Sätze. Der Saal Schepers ist in dieser Hinsicht vielleicht der falsche Platz für eine durchaus auf Differenzierung setzende Rede. Als migrationspolitische Sprecherin ihrer Fraktion verortet sie sich weder rechts noch links, sondern benennt klar Integrationsprobleme, ohne ein Bekenntnis zum Asylrecht zu vermeiden. Der Satz, der bei ihr zu dieser Thematik am meisten hängen bleibt, ist folgender: „Die Akzeptanz für legale Migration liegt darin, dass wir illegale Migration bekämpfen.“ Sie spricht von „humanitären Pflichten“, von „Akzeptanz in der Bevöllkerung für Flüchtlige“. Das ist wohltuend unaufgeregt in einer Zeit der Polarisierung. Beim Thema Finanzpolitik hat sie einen klaren Kompass: Der Staat habe immer höhere Einnahmen, schaffe aber auch immer neue Ausgaben. „Groko steht vor allem für große Kosten“, sagt Teuteberg. Danach eine kleine Kunstpause. Im Drehbuch folgt hier die Applaus-Pause.

Ihr Herzensthema aber ist der Osten Deutschlands, ihre Heimat. Geboren wurde sie im Landkreis Dahme-Spreewald. Sie erzählt im 30. Jahr des Mauerfalls, wie ihre Großeltern nach der Wende ihren Job in einer Staatsfabrik verloren, wie sie Schulden aufnahmen, um ein Geschäft für Fernseher zu eröffnen, wie diese Großeltern danach skeptisch von ihrem Dorfbewohnern beäugt wurden: „Wie kommen die denn an Geld?“ Diese kleine Erzählung ist es, die deutlich macht, wie jemand auch als 37-jährige junge Frau zu einer Immer-Noch-Altmännerpartei wie der FDP kommen kann. Überhaupt: das Thema Frau. Damit beendet Teuteberg ihren Vortrag. In Brandenburg haben sie nämlich gerade ein Parité-Gesetz auf den Weg gebracht, die Frauen-Quote bei Wahlen: Das Ziel lautet, dass alle Parteien bei künftigen Landtagswahlen in der Pflicht sind, ihre Landeslisten mit exakt genauso vielen Männern wie Frauen zu besetzen. Wer sich dem Dritten Geschlecht zugehörig fühlt, so Teuteberg, der dürfe aussuchen, auf welcher Liste er stehen will. Drittes Geschlecht! Einige lachen laut, doch das verklingt schnell wieder. Unser Land ist toleranter gegenüber Minderheiten geworden. Teuteberg reitet auf dem Thema nicht weiter rum, auch wenn sie mit Gags zum „Dritten Geschlecht“ vielleicht manchen im Saal abgeholt hätte. Spätestens da hat man den Eindruck: So souverän können das vielleicht Frauen aus dem Osten am besten.

Der Redenteil ist nun beendet. Umbaupause für den zweiten Höhepunkt des Abends.

Nun kommt das, worauf sich Niederrheiner und die Brandenburgerin gemeinsam einigen können. Und es sagt einiges über den friedlichen Verlauf des Abend aus, wenn Gelbe, Rote und mit Reinhold Brands von der CDU sogar ein Schwarzer ausgerechnet grünen Kohl essen. „Der beste Grünkohl, den es gibt“ sei der bei Schepers, betont FDP-Chef Dirk Giesen. Kein Widerspruch im Publikum.

(Quelle RP)


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